Geschichte des Gebietes am WestkreuzPark!

Der berühmte Nachbar von Nebenan: Siegfried Kracauer
Am Rande des zukünftigen Westkreuzparkes wohnte der Flaneur Siegfried Kracauer, er oben, der Rangierbahnhof Charlottenburg zu seinen Füßen.Er zieht uns in den Bann seiner Eindrücke, lässt uns teilhaben an vielen übersehenen und vergessenen Blicken, wie den auf eine Lokomotive genau oberhalb der Friedrichstraße zum Beispiel, die von den Passanten unbemerkt innehält und dem Lokführer einen einsamen Blick „wie durch einen Spalt in die Straße hinein“ gewährt. „Dem Mann ist zumute, als habe er eine Tarnkappe auf und die Straße der Straßen woge über ihn weg.“Siegfried Kracauer blickt aus dem Fenster (Sybelstr.35) in Richtung Rangierbahnhof Charlottenburg:
„Wunderschön ist das Stück „Aus dem Fenster gesehen“, das den Blick aus dem Fenster seiner Charlottenburger Wohnung beschreibt, über weite Gleisanlagen hinweg in Richtung Funkturm, der nachts von seiner Spitze einen Lichtkegel rundum schickt wie ein Leuchtturm. „Unablässig kreisend tastet das Blinkfeuer die Nacht ab, und wenn der Sturm heult, fliegt es über die hohe See, deren Wogen den Schienenacker umspülen.“Diese Landschaft sei ungestelltes Berlin, schreibt Kracauer. Er schließt mit den Worten: „Die Erkenntnis der Städte ist an die Entzifferung ihrer traumhaft hingesagten Bilder geknüpft.“

„Mit ihren vielen Signalmasten und Schuppen macht die Fläche beinahe den Eindruck eines mechanischen Modells, das ein Knabe, der irgendwo unsichtbar kniet, zum Experimentieren benutzt. Er läßt im Spiel die entzückenden bunten Stadtbahnzüge rasend schnell auf- und abgleiten, jagt einzelne Lokomotiven hin- und her und entsendet schwere D-Züge nach berühmten Städten wie Warschau und Paris […] Die Schienen blitzen, die Signale gehen abwechselnd hoch und nieder, und die Rauchwolken bleiben lange zurück.“
Siegfried Kracauer: Aus dem Fenster gesehen. In: Siegfried Kracauer: Straßen in Berlin und anderswo. Suhrkamp Verlag: Frankfurt am Main 2009. S. 54.

Dort beschreibt er auch in dem Text „die Unterführung“ den Weg zum Bahnhof Charlottenburg.

Wikipedia zu Kracauer:

Siegfried Kracauer (* 8. Februar 1889 in Frankfurt am Main; † 26. November1966 in New York) war ein deutscher Journalist, Soziologe, Filmtheoretiker und Geschichtsphilosoph.

1930 ging Kracauer als Feuilletonchef der Frankfurter Zeitung nach Berlin. Schon die gesamten 1920er Jahre über hatte er sich immer wieder in der Hauptstadt aufgehalten. Nach mehreren Untermietverhältnissen bewohnte er von 1931 bis 1933 mit seiner Frau eine Wohnung im vierten Stock des Hauses Sybelstraße 35 in Charlottenburg. (am ehemaligen Holtzendoffplatz, dem heutigen Kracauerplatz)

Unmittelbar nach dem Reichstagsbrand im Februar 1933 floh Kracauer mit seiner Frau nach Paris.

Ein Jahr nach der Okkupation Frankreichs durch die Deutschen gelangen ihm und seiner Frau Lili 1941 im letzten Augenblick über Lissabon die Emigration in die USA.

In Berlin besuchten sie 1956 ihre frühere Wohnung in der Sybelstraße.

 

Zur Geschichte der Berliner Stadtbahn folgende Literaturhinweise:
Wolfgang Kiebert: Die Berliner Stadtbahn. Bau und Geschichte der ersten Viaduktbahn Europas. Band 1: Von der Gründerzeit bis zum Ende des Zeiten Weltkriegs. VBN Verlag Bernd Neddermeyer: Berlin 2011. ISBN 978-3-941712-21-8, Preis 34 Euro 80
Die erste Fortsetzung ist im November 2015 erschienen:
Wolfgang Kiebert: Der elektrische Betrieb auf der Berliner S-Bahn, Band 2.1: Die große Elektrisieren – 1926 bis 1930. VBN Verlag: Berlin 2015. Preis 20 Euro 35.
https://www.amazon.de/elektrische-Betrieb-Berliner-S-Bahn-Band/dp/3933254159
Relevanz für die Projektidee (ehemaliges Betriebsgelände westlich des Bf. Charlottenburg) dürfte vor allem der erste Band haben.
Ein paar Zitate aus dem Werk:
„Die Berliner Stadtbahn, im Februar 1882 zunächst für den ‚Localverkehr’ und im Mai des gleichen Jahres für den Fernverkehr eröffnet, bezeichnet streng genommen die die Stadt in Ost-West-Richtung durchquerende Eisenbahnstrecke, an deren Endpunkten die Bahnhöfe Charlottenburg und Berlin Ostbahnhof liegen. Im Sinne des Bauentwurfs beginnt sie 312 m östlich der Straße der Pariser Kommune und erstreckt sich bis zum östlichen Widerlager der Unterführung der Holtzendorffstraße am westlichen Ende des Bahnhofs Charlottenburg.“ S. 12
„Wer aus dem Osten oder Westen des damaligen Reichsgebietes nach ‚Berlin Stadtbahn’ fuhr, verließ den Zug in Charlottenburg, am Bahnhof Zoologischer Garten im aufstrebenden neuen Westen Berlins, in der Mitte der Stadt am Bahnhof Friedrichstraße oder am Schlesischen Bahnhof. So gesehen, nahm die Stadtbahn auch die Funktion eines dezentralen, langgezogenen Hauptbahnhofs ein.“ S. 13
Kleine persönliche Anmerkung: Ich erinnere mich, dass auch auf meinen Fahrkarten nach Berlin in den frühen 1990er Jahren noch „Berlin Stadtbahn“ als Zielbahnhof angegeben war, und der Intercity hielt dann auch sowohl am Ostbahnhof als auch am Zoo (den Hauptbahnhof gab es ja noch nicht).
Auf den Seiten 41-54 ist der Bericht einer Fahrt auf der nagelneuen Stadtbahn im Januar 1882 abgedruckt:
„Das Vollkommenste und Beste, […] was die heutige Eisenbahntechnik überhaupt aufzuweisen hat“
„[…] Hiermit verlassen wir das Weichbild Berlins und treten ein in die Fluren der Tochterstadt Charlottenburg. Zu beiden Seiten der Bahn fruchtbare Obst- und Gemüsegärten, freundliche Villen und in weiterer Ferne der Grundwald, Westend und die Schlosskuppel von Charlottenburg […] Wir laufen in den Bahnhof Charlottenburg und damit in den Endpunkt der eigentlichen Stadtbahn ein. […] Die Perronhalle zeigt eine ganz leichte und einfache Holzconstruction und das im Niveaus der Strasse stehende Empfangsgebäude ist als Fachwerkbau recht geschmackvoll ausgeführt. In markirter Weise präsentirt sich der nahe gelegene Wasserthurm mit mächtigem kreisrunden Unterbau in gelben Ziegeln.“ S. 53/54
  • Bahnhof Charlottenburg
    Personenbahnhof Charlottenburg nach der Einweihung 1882
Geschichte des Gebietes am WestkreuzPark!Uns liegen eine Vielzahl von Informationen zur die Entwicklung und ehemaligen Nutzung des Geländes um den WestkreuzPark! vor, die auch hier an dieser Stelle eingestellt werden.Wir bitten Sie um Ihre Hilfe und Unterstützung:
Wenn auch Sie selbst im Besitz alter Fotos, Zeichnungen oder Bilder sind,online oder offline-Archive mit entsprechendem Material kennen, über Informationen und/oder Kontaktadressen zu Rechteinhabern verfügen,Geschichten zu diesem Gebiet von Eltern/Großeltern kennen oder selbst erlebt haben, die Sie uns für eine Aufbewahrung auf unserer Webseite erzählen oder selbst schreiben möchten,dann setzen Sie sich bitte hier JavaScript is required telefonisch JavaScript is required mit uns in Verbindung.

 

 

  • Schreibe einen Kommentar

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.