Gedenken am Gleis 17 – Güterbahnhof Grunewald 18.10.-12 uhr (Update4)

9.November:Erinnerung an die Reichsprogromnacht

neuester Literaturtipp aus der BLZfpB:

Das Sammellager in der Berliner Synagoge Levetzowstraße 1941/42

 

 

als die jüdischen deutschen Mitbürger von der Sammelstelle Synagoge Levetzowstr., am Rangierbahnhof Charlottenburg vorbei, über den Kurfürstendamm, zum Deportationsort Güterbahnhof Grunewald (Gleis 17) getrieben wurden.

Vor den Augen der Bevölkerung, organisatorisch unterstützt durch private Spediteure, wurden diese von der Gestapo zu den Bahnhöfen gebracht.

Nachdem Alfred Gottwaldt schon 2005 zusammen mit Diana Schulle die wichtigsten Daten über sämtliche „Judendeportationen aus dem Deutschen Reich 1941-1945“ mit der deutschen Reichsbahn ausführlich dokumentiert hat, klärt er jetzt genauer darüber auf, in welchem Umfang und von welchen sog. „Sammellagern“ aus die jüdischen Mitbürger durch die Straßen Berlins zu den Abgangsbahnhöfen Richtung Osten in Konzentrationslager oder gleich in den Tod geschickt wurden. In Moabit gibt es ja schon lange eine Tradition am Gedenktag des 9. November 1938 den Weg von der Gedenkstätte am Ort der ehemaligen Synagoge in der Levetzowstraße bis zum Standort des ehemaligen Güterbahnhofs an der Quitzowstraße gemeinsam und demonstrativ zu Fuß zurückzulegen, um deutlich zu machen, dass das Verschwinden dieser Mitbürger nicht etwa heimlich geschah, sondern vor aller Augen tagsüber und zu Fuß durch die Wohnstraßen der Stadt passierte. Gottwaldt ergänzte dieses Bild dahingehend, dass die Menschen zunächst, von Berliner Polizei eskortiert, sogar die 8 km von der Levetzowstraße bis zum Bahnhof Grunewald, wo sich jetzt das große Mahnmal der Deutschen Bahn am Gleis 17 befindet, zu Fuß zurücklegen mussten und dass das Militärgleis am Moabiter Güterbahnhof erst später zum Hauptabgangsbahnhof für diese Transporte geworden ist – vermutlich weil den Polizeikräften der Fußweg nach Grunewald zu anstrengend und mühsam war.

 

Am 18.Oktober 1941 begann der Exodus.

Die meisten der Deportierten mussten in einem mehr als zweistündigen Fußmarsch durch den westlichen Teil Berlins von der zur Sammelstelle umgenutzten Synagoge in der Levetzowstraße zum Bahnhof Grunewald laufen. Ältere, Kranke und Kinder brachten Mitglieder der Gestapo und der SS auf Lastwagen dorthin. Wie auch in der Levetzowstraße, mussten die Mitarbeiter der jüdischen Gemeinde auch am Bahnhof Grunewald beim »ordnungsgemäßen Verladen« der Menschen mitwirken. Die Gemeindemitarbeiter standen den Unglücklichen so gut sie konnten zur Seite. Sie sorgten für ein letztes warmes Essen, heiße Getränke und verteilten die vorbereiteten Proviantpakete.

Am 18. Oktober 1941 verließ der erste sogenannte Osttransport den Berliner Bahnhof Grunewald in Richtung Litzmannstadt, heute Lodz. In dem Zug waren 1089 jüdische Kinder, Frauen und Männer. Insgesamt wurden in der NS-Zeit mehr als 50.000 Berliner Juden ermordet. Ab 1942 fuhren Deportationszüge auch vom Anhalter Bahnhof und vom Güterbahnhof Moabit. Ziele waren Ghettos, Konzentrations- und Vernichtungslager unter anderem in Minsk, Riga, Warschau, Theresienstadt, Sobibor und Auschwitz.

Auch an meiner Adresse wohnten zwei jüdische Familien.Die Familie Nachemstein wohnte zuletzt in einer Drei-Zimmer Wohnung im Gartenhaus, 2.Stock links, in der Leonhardtstraße 6 in Berlin-Charlottenburg 14057. Am 14. November 1941 wurde das Ehepaar nach Minsk deportiert, wo Max Nachemstein wie auch seine Frau Clara bereits einen Monat nach der Ankunft ums Leben kamen. Ob Mord, Hunger, Kälte oder Krankheit die Todesursache waren, bleibt ungewiss.

Über den konkreten Ablauf der ersten Deportation von Berlin nach Minsk am 14. November 1941 sind Informationen aus Berichten von Überlebenden bekannt. So beschrieb Chaim Baram die Angst und die Ungewissheit der Menschen vor dem Transport: »Der Abschied von den Eltern war herzzerreißend. Jeder von uns wusste wohl in seinem Innern, dass es ein Abschied für immer war«. Ordnungspolizisten trieben nach zwei Tagen die in der Synagoge Levetzowstraße festgehaltenen Frauen, Männer und Kinder zum Bahnhof Grunewald und zwangen sie dort in den bereitgestellten Zug der Reichsbahn. Dieser fuhr über Warschau in Richtung Minsk, die Fahrt dauerte vier Tage. »Die Stimmung«, so Baram, »war verschieden. Die Jugend singt, lacht und passt sich schnell der augenblicklichen Lage an. Die Eltern sind nachdenklicher und können sich nicht mit dieser Situation anfreunden; haben sie doch alles verloren, was sie bis zu diesem Tag aufgebaut haben. […] Am 18. November gegen 10 Uhr vormittags bleibt unser Zug stehen. Minsk, die Endstation so vieler von uns, ist erreicht. Ich weiss nie ob ich zufrieden sein kann oder nicht: denn ich ahne zukünftige Gefahren«.

Chaim Baram
»Abends um 8 werden Hunderte mit Namen aufgerufen. Auch unser Name fällt und wir gelangen wie vorgestern in den Vorräumen der Synagoge. Kalte Luft weht uns entgegen: Regenluft. Ich bekomme meine Kennkarte ausgehändigt, die ich vor genau 48 Stunden abgegeben habe. Sie bekommt nun einen Stempel hinzu, der bezeugt: „Evakuierung nach Minsk“. Nach meinen geographischen Kenntnissen muss das in Russland liegen und Russland bedeutet für mich Wälder, Schnee, Kälte und riesige Entfernungen. Zu 30 Leute werden wir auf grüne Polizeiautos aufgeladen, die in langen Reihen am Strassenrand warten, um ihre Menschenfracht zu befördern. Niemand wagt zu fragen, wohin die Reise geht.«
Karl Loewenstein
»Und am 14. November sollte es tatsächlich nach Minsk gehen. Beim Verlassen der Sammelstelle, das nummernweise erfolgte, musste jeder seine Kennkarte vorweisen, auf die der Vermerk ›Am 14. November 1941 von Berlin nach Minsk evakuiert‹ gestempelt wurde. Dieses Papier habe ich als einziges gerettet. Um uns vor der Bevölkerung zu verbergen, wurden wir in verdeckten Lastkraftwagen zur Bahn und bis an die Rampe gefahren.«

 

Denkmal am Ort

Ein aktueller Filmtipp: (ab 26.10.im Kino)

DIE UNSICHTBAREN-WIR WOLLEN LEBEN

Ein aktueller Ausstellungstipp:

Berlin-Minsk. Unvergessene Lebensgeschichten

berlin-minsk frontpage

ab 14.November in der Fantom Galerie)

Am 14. November 1941 und am 24. Juni 1942 wurden insgesamt 1.200 jüdische Männer, Frauen und Kinder aus Berlin in das Ghetto von Minsk und in das nahe gelegene Ver- nichtungslager Maly Trostenez deportiert. Die Biographien dieser Menschen waren weitgehend unbekannt, ihre Lebensgeschichten schienen vergessen.
Im Jahr 2009 begannen Studierende der Humboldt-Universität zu Berlin, die Biogra- phien dieser von Berlin nach Minsk deportierten Jüdinnen und Juden zu erforschen. Bei ihren Recherchen kamen die Studierenden auch in Kontakt mit Angehörigen, die ihnen ihre Erinnerungen mitteilten und die biographischen Nachforschungen durch Dokumente und Fotogra en bereicherten. Die Ausstellung, die daraus entstand, stellt ausgewählte Biographien vor, darunter zwei belarussische Lebensgeschichten. Ausstellung, Gedenkbuch und Internetseite – www.berlin-minsk.de – leisten einen Beitrag dazu, die Lebensgeschichten verfolgter und ermordeter Jüdinnen und Juden unvergessen zu machen.
Die Ausstellung wurde in Zusammenarbeit mit dem Centrum Judaicum, der Inter- nationalen Bildungs- und Begegnungsstätte Johannes Rau in Minsk, der Geschichts- werkstatt Minsk und der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas erarbeitet.
Ausstellungseröffnung in der Galerie in der Hektorstraße 9-10 am 14. November um 19 Uhr (76. Jahrestag).
Wird zu sehen sein bis Samstag, den 25. November.

Schulen können auf Anfrage einen Besuch arrangieren.

Website: www.berlin-minsk.de
Oktober 17, 2017

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